Robert J. Kuhn und die Anfänge des Kathodischen Korrosionsschutzes

Um 1928 hatte R. J. Kuhn dem kathodischen Schutz von Rohrleitungen zum Durchbruch verholfen. Er hatte 1928 in New Orleans umfangreiche Untersuchungen an Nieder- und Hochdruckleitungen durchgeführt und durch experimentelle Forschungen bei der Elementbildung von verschiedenen Rohrleitungsstücken im Boden festgestellt, dass bei Erreichen des kathodischen Schutzpotenzials von UCU/CUSCO4 = -0,85 V keine Elementströme mehr auftreten. Daraus folgerte er, dass bei diesem Potenzial ein vollständiger kathodischer Korrosionsschutz für die
Rohrleitungen erreicht sei. Diese richtige Schlussfolgerung wurde später in umfangreichen Arbeiten über die Potenzialabhängigkeit der Korrosionsgeschwindigkeit bestätigt. In einer der ersten Arbeiten über den kathodischen Schutz schrieb Kuhn: Einige Gebiete in New Orleans liegen unter dem Meeresniveau, andere dagegen einige Meter über dem Meeresspiegel. Ein großer Teil des Gebietes besteht aus alten Zypressensümpfen, die trockengelegt und erschlossen wurden. Vorherrschend sind es salzige und säurehaltige Böden, die sehr aggressiv sind. New Orleans besass damals ein ausgedehntes Straßenbahnsystem von etwa 400 km Länge, aus dem Streuströme von über 1000 A in den Boden flossen, die an unterirdischen Rohrleitungen und Kabeln sehr schnell zu Korrosionsschäden führten. Das Gasleitungssystem bestand aus Stahlrohren, das 1928 auf Erdgas mit höherem Druck umgestellt wurde. Nach Einrichtung des kathodischen Schutzes trat kein Korrosionsdurchbruch mehr auf.

Um führenden Korrosionsfachleuten der Vereinigten Staaten von Amerika die Untersuchung bekannt zu machen, legte Kuhn auf der ersten Korrosionskonferenz, die 1928 vom National Bureau of Standards in Washington organisiert wurde, einen 200 Seiten umfassenden Bericht über seine Untersuchungen vor. Der Titel seiner Arbeit war Galvanische Ströme auf gusseisernen Rohrleitungen, ihre Ursachen und Wirkungen, Messverfahren und Verhütungsmaßnahmen. Kuhns Arbeiten wurden in den USA erst relativ spät allgemein anerkannt. 1958 erhielt er von der NACE (National Association of Corrosion Engineers) den Frank Newman Speller Award und 1970 vom fkks Fachverband Kathodischer Korrosionsschutz e.V. in Zusammenarbeit mit dem DVGW die erste deutsche Medaille für kathodischen Schutz, die nach ihm benannt wurde.

Bereits 1908 ist in einem ersten Patent des Karlsruher Stadtwerkdirektors Geppert das Verfahren der Absaugung von Straßenbahn-Streuströmen aus einem kurzen Rohrleitungsabschnitt angemeldet worden. Trotzdem hatte es in Deutschland bis zum Ende des 2. Weltkrieges praktisch kaum kathodisch geschützte Rohrleitungen gegeben. So war es die erste Aufgabe des Fachausschusses Korrosionsfragen Rohrnetz, sich mit diesem aktiven Korrosionsschutzverfahren vertraut zu machen und für die Praxis entsprechende Veröffentlichungen und Richtlinien zu formulieren. Der Fachausschuss gründete eine Reihe von Arbeitskreisen, die in kurzer Zeit 20 Mitteilungen, insbesondere über den kathodischen Schutz, seine Anwendungsmöglichkeiten und die Korrosionsschutzmesstechnik erarbeiteten. Diese Erkenntnisse hatten sich aus dem damaligen schnellen Aufbau von Korrosionsschutzabteilungen in den größeren Gasversorgungsunternehmen ergeben. 1952 existierten
erst einige wenige Fremdstromschutzanlagen im Saargebiet, 1955 ca. fünf kathodische Korrosionsschutzanlagen im Bundesgebiet. 1965 gab es bereits über 400 kathodische Korrosionsschutzanlagen, mit denen etwa 5000 km Ferngasleitungen kathodisch geschützt wurden. Damit war der Durchbruch zu einem umfassenden kathodischen Schutz von Rohrleitungen im Erdboden gegeben. Er wurde erstmals 1967 für Gashochdruckleitungen in DIN 2470 Teil 2 als anerkannte Regel der Technik vorgeschrieben.
W. v. Baeckmann, aus gwf 125 (1984)



 

Kuhn-Ehrenmedaille
15.06.2016 12:44